Gewaltlosigkeit
Der Aspekt der Gewaltlosigkeit und des Nicht-Tötens beinhaltet sowohl körperliche als auch verbale Gewalt. So sollen wir nicht nur durch Taten nicht verletzen, sondern auch nicht durch (unbedachte) Worte, Äußerungen oder sogar durch Gedanken. Somit beinhaltet diese Regel viel mehr als das Gebot des Nicht-Tötens. B.K.S. Iyengar zufolge hat es eine viel umfassendere Bedeutung, nämlich Liebe. Eine Liebe, die die gesamte Schöpfung beinhalten soll.
Gewalt dagegen ist die Abwesenheit von Liebe und Ergebnis von Egoismus, Ärger, Angst und Mangel an Selbstvertrauen. Feindseligkeit ist der Ursprung jedes Gewaltaktes. Gewaltlosigkeit heißt Respekt und Achtung vor anderen zu haben. Und nur die Liebe kann die Menschen verbinden und der Gesellschaft Zusammenhalt verleihen. Ein Yogi trägt keinen Haß im Herzen, sondern nur Liebe. (vgl. Gita S. Iyengar)
„Nach dem Glauben des Yogi hat jedes Geschöpf das gleiche Recht zu leben wie er selbst. Er glaubt, dass er geboren wurde, um anderen zu helfen und er schaut mit Augen der Liebe auf die Schöpfung.“ (vgl. B.K.S. Iyengar).
Dabei trennt er diese Liebe und das Nicht-Töten durchaus vom Vegetariertum, auf das viele Yogaschulen verweisen. Es ist zwar richtig, dass, wer viel Yoga praktiziert, mit der Zeit nicht nur Wirkung auf seinen Körper, sondern auch auf seine Einstellung und Geisteshaltung spüren wird, die Welt um sich herum und die gesamte Schöpfung mit anderen Augen betrachten und mit ihr zu leiden lernt. Dadurch bedingt tendieren viele Yogis dazu sich vegetarisch oder sogar vegan zu ernähren – doch ist es längst weder Voraussetzung noch nötige Ernährungsweise, um weiterhin Yoga zu erfahren.
Denn allein die Tatsache, dass ein Mensch Vegetarier ist, sagt noch nichts über sein Temperament, nichts über seine Taten und sein Verhalten anderen Menschen gegenüber und auch nichts über seine Gedanken und Emotionen. „Blutdürstige Tyrannen können Vegetarier sein. Gewaltsamkeit ist ein geistiger Zustand, nicht eine Frage der Diät.“ (vgl. B.K.S. Iyengar).
Insofern geht es bei dieser Regel auch nicht darum, auf bestimmte Nahrungsmittel zu verzichten, sondern insgesamt eine friedliche innere Einstellung zu den Menschen um uns herum und zur Natur zu erschaffen, um im Einklang mit uns selbst und anderen um uns herum leben zu können.
Und wer in liebevoller und achtsamer Weise Nahrungsmittel verzehrt, die zu diesem Zweck getötet wurden, ist genauso (und manchmal sogar noch mehr Yogi) als jemand, der blindlings Vorgaben folgt ohne mit dem Herzen dabei zu sein.
Die Gewaltsamkeit beginnt also bereits dabei, sich seiner Gedanken bewusst zu werden. Nicht nur in Bezug auf die Umwelt, sondern auch auf die Menschen um uns herum. Wie oft beurteilen oder verurteilen wir Menschen aufgrund von Äußerlichkeiten oder weil sie nicht unsere Meinung teilen? Wie oft ärgern wir uns über Autofahrer, Fußgänger, Kollegen, Vorgesetzte, Familienmitglieder? Wie selten öffnen wir unser Herz für all diese Menschen, vergeben Taten und sind innerlich einfach friedlich?
Nur, wer anfängt sich seiner Gedanken bewusst zu werden, wird anfangen in Frieden leben zu können.
Schon der Talmud sagt:
„Achte auf deine Gedanken, denn sie werden zu Worten,
achte auf deine Worte, denn sie werden zu Handlungen,
achte auf deine Handlungen, denn sie werden zu Gewohnheiten,
achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter,
achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.
Treffender lässt es sich wohl kaum sagen. Unsere Gedanken bestimmen unser Tun. Und wie die Art, wir denken und leben bestimmt unser Glück.
„Wer sich der Auswirkungen seiner Worte und Taten bewusst ist, langfristig friedfertig bleibt und in der Gewaltlosigkeit verwurzelt ist, beeinflusst seine Umgebung zum Verzicht auf Gewalt, denn in der Nähe eine Menschen, der Meisterschaft in Ahimsa (Gewaltlosigkeit) erlangt hat, wird Feindseligkeit nicht gedeihen. (Patanjali).